Der schleichende Tod (Der erste Absatz ist von Anja, der Rest aber von mir)
Es war Dienstagmorgen und die A-Crew hatte einen anstrengenden Nachtdienst hinter sich. Als endlich die B-Crew eintraf waren alle unendlich froh. „Na dann macht’s mal gut, Thomas kommst du?“, rief Michael. „Nee danke Michael, ich bleib noch und geh dann zu Fuß nach Hause oder ruf mir ein Taxi“, sagte Thomas. „OK“, gab Michael zurück und verschwand dann mit Peter. Gabi und Ralf verzogen sich in den Hangar und Biggi ging mit Thomas ans kleine Ufer der Salzach, wo sie schon viele schöne Stunden verbracht hatten. „Du... ich muss dir was sagen“, fing Biggi zögerlich an......
„Ja“, sagte Thomas und sah ihr tief in die Augen. „Ich…“, weiter kam Biggi nicht, denn sie wurde von der Alarmsirene unterbrochen: „Rettungsleitstelle an Medicopter 117, schwerer Autounfall auf der B 275 in der Nähe von Murnau. GPS Koordinaten über Funk.“ Biggi fluchte. Warum musste ihr dieser Einsatz gerade jetzt in die Quere kommen. Warum gerade jetzt? Das gleiche dachte sich auch Thomas. Schon kamen Gabi und Ralf aus der Basis gerannt und riefen ungeduldig nach Biggi. Biggi stöhnte auf und begab sich widerwillig, nachdem sie Thomas einen traurigen Blick zugeworfen hatte, zum Helikopter. Thomas sah ihr noch sehnsüchtig hinterher, bis der rot gelbe Helikopter abgehoben hatte und schließlich hinter den Bergen verschwunden war. Der Pilot erhob sich langsam und ging in den Aufenthaltsraum. Eigentlich hätte bereits nach Hause gehen können, doch er entschloss noch ein Weilchen auf der Basis zu warten, mindestens so lange, bis Biggi von dem Einsatz wiederkommen würde. Er nahm sich eine Zeitung, die auf dem Tisch lag, und blätterte darin herum. Doch irgendwie konnte er sich überhaupt nicht richtig konzentrieren. Immer wieder ertappte er sich dabei, wie er an Biggi dachte. Was hatte sie ihm vorhin sagen wollen? Er hoffte, dass es das war, was er ihr auch seit einiger Zeit schon sagen wollte, aber sicher war er sich natürlich nicht.
Das B Team hatte währenddessen den Unfallort erreicht. Ein mit Fässern beladener LKW war mit einem PKW kollidiert und die Fässer waren durch den Aufprall vom LKW geschleudert worden. Einige hatten den PKW unter sich begraben. Drei Fässer waren auf die andere Fahrbahn gerollt, wo sie von einem weiteren Auto erfasst wurden und dabei zerbrachen. Eine helle Flüssigkeit breitete sich langsam auf der Straße aus. Auch die Polizei war bereits vor Ort und sperrte die Straße weiträumig ab. „Das sieht aber gar nicht gut aus.“, befürchtete Gabi schon aus der Luft. Biggi und Ralf konnten ihr nur zustimmen. „Hoffentlich keine Toten.“, betete Ralf.
Biggi landete den Helikopter neben der Autobahn auf einer freien Wiese. Ralf und Gabi schnappten sich den Notarztkoffer und den Notfallrucksack und liefen zur Unfallstelle. Biggi schaltete die Turbinen ab. Dann begab sie sich in den hintern Teil des Medicopters, um die Trage zu holen. Mit der Trage unterm Arm eilte sie dann zu Ralf und Gabi, die bereits dabei waren eines der Unfallopfer zu versorgen. Biggi legte die Trage gerade neben dem Verletzten ab, als plötzlich eine Stimmte zu hören war. „Hilfe, helfen sie meinem Mann und meinen Kindern.“, rief eine Frau verzweifelt dem Medicopterteam zu. Gabi und Ralf sahen auf und zu ihr hinüber. Dann sahen sie sich an. „Bleibe du hier, Biggi und ich gehen darüber.“, sagte Gabi entschlossen. Sie sprang auf und lief mit Biggi zusammen zu der Frau. Diese hatte offenbar in dem Auto, das mit den Fässern kollidiert war, gesessen. Ihr Mann und ihre beiden kleinen Kinder lagen bewusstlos im Auto. „Bleiben sie ganz ruhig, unsere Notärztin kümmert sich um ihre Familie.“, versuchte Biggi die aufgebrachte Frau zu beruhigen. Gabriele war währenddessen in das Fahrzeug geklettert und trug mit Hilfe eines Polizeibeamten die Verletzten ins Freie. Dem Vater und einem der Kinder schien nicht viel passiert zu sein. Sie waren wieder bei Bewusstsein und hatten außer Prellungen und Schürfwunden vermutlich keine Verletzungen erlitten. Doch der Zustand des anderen Kindes war äußerst bedrohlich. „Ralf, wie sieht’s bei dir aus?“, rief Gabi. „Der Patient ist so weit stabil und kann vom Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden.“, informierte Ralf seine Kollegin. Gabi nickte. „Kannst du bitte die Trage herbringen?“, fragte sie ihn dann. Ralf nickte, schnappte sich die Trage, die Biggi kurz zuvor dort abgestellt hatte, und lief damit zu Biggi und Gabi. „Das Kind hier muss schnellstens in eine Klinik, stumpfes Bauchtrauma vermutlich mit inneren Blutungen.“, diagnostizierte Gabi. Ralf nickte und stellte die Trage ab. „Na klasse, Ralf!“, meinte Biggi. Ralf sah sie verwundert an, doch dann bemerkte auch er sein Missgeschick. Er hatte die Trage genau in die Pfütze der ausgelaufenen Flüssigkeit gestellt. Doch sie hatten keine Zeit zu verlieren und so wurde das Kind auf die Trage gehoben und Biggi, Gabi und Ralf trugen diese in den Helikopter. Dann schwang Biggi sich schnell auf den Pilotensitz und startete den Helikopter. Gabi und Ralf hatten größte Mühe das Kind am Leben zu erhalten, denn der Kreislauf sackte immer mehr ab. Doch schließlich landete Biggi auf dem Dachlandeplatz der Klinik und sie konnten das Kind dem wartenden Ärzteteam übergeben. Gabi und Ralf gingen noch mit rein um den Ärzten ihre Diagnose mitzuteilen. Biggi blieb am Helikopter. Sie lehnte sich an die Wand des Helikopters. Irgendwie war ihr etwas schwindelig und sie fühlte sich nicht gut. Doch sie dachte, dass es gleich vorbei gehen würde. Dann kamen auch Ralf und Gabi wieder und sie traten den Heimflug an. „Wollen wir nach der Schicht noch etwas unternehmen?“, fragte Ralf Gabi. Diese schüttelte wiedererwartend den Kopf. Ralf sah sie fragend an. „Ich möchte lieber gleich nach Hause fahren.“, sagte Gabi nur. „Dann eben nicht.“, meinte Ralf ein bisschen beleidigt. „Ich fühle mich heute nicht so gut und wollte mich hinlegen, Ralf.“, erklärte Gabi ihm. „Willst du nicht zum Arzt gehen?“, fragte er besorgt. Doch Gabi winkte ab. „Nur weil ich mich ein bisschen schlecht fühle, geh ich doch nicht zum Arzt.“, erwiderte sie. „Ja, ja Ärzte sind die schwierigsten Patienten.“, mischte Biggi sich nun ein, doch sie wusste, dass sie selbst auch nicht besser war. Sie hasste Ärzte und ließ sich nur untersuchen, wenn es ihr wirklich schlecht ging. Den Rest des Fluges herrschte mehr oder weniger Schweigen. Schließlich landete Biggi den Heli mit einem kleinen Ruck auf der Plattform vor dem Hangar. Gabi nahm den Arztkoffer und ging langsam, fast schleichend, in den Aufenthaltsraum. Biggi folgte ihr nicht viel schneller. Ralf war gleich abgebogen zum Hangar, um eine Runde zu flippern. Thomas saß am Tisch im Aufenthaltsraum und hatte für sich und die anderen Kaffee gekocht. „Und wie war’s?“, fragte er, als Gabi und Biggi hereinkamen. Biggi zuckte bloß mit den Schultern und ging dann in die Küche um sich eine Tasse aus dem Schrank zu nehmen und Gabi ließ sich wortlos aufs Sofa sinken. Thomas ging zu Biggi in die Küche. Er wunderte sich, da Biggi sonst gesprächiger war. „Hey, was ist denn los mit dir?“, wollte er wissen. „Es… es ist nichts.“, versuchte Biggi sich herauszureden. „Bist du sicher?“, fragte Thomas besorgt. „Ich hab nur ein bisschen Kopfschmerzen, aber das geht gleich wieder weg.“, gab Biggi dann zu. „Wenn du willst kann ich den Rest deiner Schicht übernehmen, dann kannst du schon mal nachhause fahren.“, bot Thomas ihr an. Biggi nickte dankbar. „Das würdest du tun?“ „Schon ok, fahr du nach hause und kurier dich aus. Außerdem ist eh in einer halben Stunde Schichtwechsel.“ „Danke“, sagte Biggi und brachte ein Lächeln hervor. Thomas lächelte zurück. Dann drehte er sich um und ging wieder in den Aufenthaltsraum, wo Gabi auf dem Sofa lag. Auch Michael und Peter waren schon eingetroffen. „Ich übernehme den Rest von Biggis Schicht, ihr geht’s nicht so gut.“, erzählte Thomas ihnen. „Also wenn ihr wollt, dann übernehmen wir für euch und ihr habt ausnahmsweise mal pünktlich Feierabend.“, schlug Michael Gabi und Ralf nach einem kurzen Blickwechsel mit Peter vor. Die beiden nickten dankbar und verschwanden im Umkleideraum, wo auch Biggi gerade dabei war sich umzuziehen. „Thomas meinte, dass es dir nicht so gut geht, was ist denn los?“, wollte Gabi von Biggi wissen. „Nichts, ich hatte vorhin nur etwas Kopfschmerzen, aber es ist schon wieder weg.“, log Biggi, der es in Wirklichkeit immer schlechter ging, um Gabi nicht zu beunruhigen. Gabi hatte sich mit dem Umziehen sehr beeilt, denn sie wollte möglichst schnell nachhause kommen. Sie verabschiedete sich noch von Ralf und Biggi und ging dann nach draußen, wo sie in ihr Auto stieg und losfuhr.
Biggi war inzwischen auch fertig mit Umziehen. Sie nahm ihren Rucksack und ging in den Aufenthaltsraum. „Ich fahr dann jetzt auch.“, meinte sie. „Geht’s dir wieder besser?“, fragte Thomas sie. Biggi nickte, weil sie auch ihn nicht beunruhigen wollte. In Wirklichkeit aber war ihr ziemlich schwindelig, so dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte und die Kopfschmerzen waren auch schlimmer geworden. Doch nachdem sie drei weitere Schritte gegangen war, wurde ihr plötzlich schwarz vor Augen. Sie verlor das Gleichgewicht und ihre Beine sackten unter ihr weg. Thomas reagierte blitzschnell, stürzte zu ihr und fing sie auf, bevor sie auf den harten Boden fiel. Michael und Peter hatten die Szene beobachtet und waren nun auch zu Biggi und Thomas geeilt. „Peter, schnell, den Notfallrucksack!“, wies Michael den Sanitäter an, der ihm nur wenige Sekunden später den Notfallrucksack reichte. Thomas saß nur schweigend daneben und nahm Biggis Hand. Er war total geschockt und hoffte, dass Biggi nichts Schlimmes hatte.
Michael kontrollierte ihren Puls und ihren Blutdruck. „Der Blutdruck ist im Keller, gib ihr 500mg Ringerlösung.“, wies er Peter dann an. Peter legte Biggi einen Zugang und verabreichte ihr dann das Kreislaufmedikament. „Wir können hier nicht mehr für sie tun, sie muss schnellstens ins Krankenhaus.“, stellte Michael dann fest. „Was ist denn mit ihr?“, fragte Thomas, er klang sehr besorgt. „Ich weiß es nicht, bei den Symptomen kommen eigentlich nur eine Virusinfektion, wie eine schwere Grippe oder etwas Ähnliches, in Frage. Anders kann ich mir das nicht erklären.“ Thomas nickte nur leicht. „Hol die Trage, Thomas.“, sagte Michael dann und Thomas sprang auf und lief zum Helikopter. Er öffnete die Heckklappe und holte die Trage heraus. Dann rannte er so schnell wie er konnte zurück in den Aufenthaltsraum. Michael und Peter legten Biggi vorsichtig auf die Trage, während Thomas schon wieder auf dem Weg zum Heli war und bereits die Turbinen anließ. In dem Moment kam Ralf aus der Umkleide. „Was ist denn hier los?“, fragte er, als er Biggi auf der Trage liegen sah. „Biggi ist zusammengebrochen, wir bringen sie in die Klinik.“, erklärte Peter schnell, während sie schon zum Helikopter liefen. Ralf rannte ihnen hinterher und flog auch mit. Als sie endlich abgehoben waren, erkundigte er sich bei Michael, was mit Biggi los war. „Wahrscheinlich irgendeine Virusinfektion, die ihren Kreislauf geschwächt hat, was anderes kann ich mir nicht vorstellen. Oder eine Vergiftung, aber das kommt wohl kaum in Frage. Ich denke, sie ist in ein paar Tagen wieder auf den Beinen.“ Peter, Thomas und Ralf waren froh das von Michael zu hören. Nach wenigen Minuten landete Thomas den Helikopter sicher auf dem Dachlandeplatz des Kreiskrankenhauses. Sofort kamen einige Ärzte herausgelaufen und schoben die Trage mit Biggi in den Fahrstuhl. Michael lief mit, während Thomas, Peter und Ralf langsam hintergingen. Keiner sagte ein Wort, die drei gingen einfach nur schweigend nebeneinander her und sahen auf den Boden. Als sie vor den Behandlungsräumen angekommen waren, wartete Michael dort bereits. „Sie untersuchen sie jetzt und können uns danach genaueres sagen.“, erklärte er den anderen. Sie nickten nur. „Am besten wäre es, wenn wir wieder zurückfliegen, wir haben schließlich Schicht und außerdem ist Biggi hier in den besten Händen.“, schlug er dann vor und sah Thomas, Peter und Ralf an. „Ich bleibe hier. Ich werde erst wieder gehen, wenn ich weiß, was Biggi hat.“, sagte Thomas nach einer Weile entschlossen. Michael wollte seinem Freund gerade widersprechen, als auch Ralf und Peter meinten: „Wir bleiben auch hier.“ Michael gab sich geschlagen und sie ließen sich auf die Bank fallen, die vor dem Behandlungsraum stand. „Ich werde Gabi benachrichtigen.“, beschloss Ralf nach kurzer Zeit. Er stand auf und ging zudem Telefon, das am anderen Ende des Gangs stand. Er wählte Gabis Nummer, doch nachdem er es mindestens 10 Mal klingeln lassen hatte, gab er es auf. Sie war vermutlich nicht zu hause. Doch irgendwie wunderte Ralf sich schon, schließlich wollte Gabi schnell nach Hause um sich auszuruhen. Er machte sich allerdings keine weitern Gedanken darüber, sondern ging wieder zu den andern und setzte sich. „Ich hab sie nicht erreicht.“, sagte er ein wenig enttäuscht. „Mensch, wir haben Ebelsieder noch gar nicht informiert, dass er die Basis dich macht.“, fiel es Peter dann ein. „Stimmt, am besten, wir rufen ihn gleich an.“, meinte Michael, stand auf und ging zum Telefon. Nach etwa fünf Minuten kehrte er zurück. „Es ist alles geklärt, unsere Schicht übernimmt Rosenheim. Ihr wisst ja, wie Ebelsieder reagiert, wenn es um Biggi geht.“ Die anderen nickten und verdrehten die Augen. Keinem auf der Basis, war entgangen, dass Ebelsieder ein Auge auf die Pilotin geworden hatte. Doch Biggi hatte ihn bis jetzt jedes Mal abblitzen lassen.
Michael, Thomas, Ralf und Peter warteten jetzt schon eine Stunde lang und es gab immer noch nichts Neues von Biggi. Michael, Peter und Ralf unterhielten sich, doch sie waren nicht wirklich bei der Sache. Thomas starrte auf den Boden und wirkte abwesend. Er dachte an Biggi und hoffte, dass sie nichts Schlimmes hatte.
Dann kam endlich ein Arzt aus dem Behandlungsraum. „Wie geht es unserer Kollegin?“, fragten die vier sofort. „Nun, Ihre Kollegin hat sehr hohes Fieber, ihr Kreislauf ist ziemlich schwach und ihr Zustand ist ernst. Wir vermuten, dass es sich um eine Vergiftung handelt.“ Thomas, Peter und Ralf hatte es die Sprache verschlagen. Vorhin im Helikopter hatte Michael ihnen noch versichert, dass Biggi in ein paar Tagen wieder auf den Beinen sein würde und jetzt? „Sie wird doch wieder gesund...?“, fragte Thomas mit angsterfüllter Stimme. Der Arzt blickte ihn nur ernst an: „Ich kann im Moment keine Prognosen abgeben. Wir werden ihr jetzt die Medikamente in anderer, stärkerer Dosierung geben. Aber das Problem ist, dass wir noch nicht herausfinden konnten, wodurch die Vergiftung verursacht worden ist, so lange wir das nicht wissen, können wir nur abwarten und hoffen, da wir nicht gezielt behandeln können.“ Alle Blicke richteten sich geschockt auf den Arzt. Er schwieg kurz, fügte dann hinzu: „Wie gesagt, wir können nur abwarten.“ Thomas nickte schweigend, sah zu den andern und fragte dann: „Können wir zu ihr?“ „Selbstverständlich. Sie liegt auf der Intensivstation, Zimmer 218. Aber bitte nicht zu lange, sie braucht Ruhe.“ Michael, Peter, Thomas und Ralf überlegten fieberhaft, woran Biggi sich vergiftet haben könnte, doch ihnen fiel absolut nichts ein. Sie folgten schweigend dem Arzt, der sie zu Biggis Zimmer führte.
Es standen zwei Betten darinnen, in dem einen lag Biggi, das andere war leer. Sie bekam zwei Infusionen und ein EKG überwachte ihren Kreislauf. Sie sah schrecklich mitgenommen aus. Sie war sehr blass und Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Thomas wurde schwer ums Herz, als er sie so sah. Den anderen ging es genauso. Sie gingen zum Bett und Thomas nahm behutsam Biggis Hand und meinte: „Biggi...?" Sie öffnete langsam die Augen und erkannte ihre Besucher. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht: „Hey, schön, dass ihr alle da seid.“ Thomas lächelte zurück und versucht, nicht zu ernst zu klingen, als er fragte: „Hey. Wie geht's unserer Lieblingspilotin?“ Biggi seufzte leise: „Ziemlich mies irgendwie.“ Sie sah kurz Thomas an, dessen Blick besorgt war, und erwiderte still seinen Händedruck. Dann fragte sie: „Die Ärzte meinen, ich hätte eine Vergiftung. Irgendwas war mit der Flüssigkeit auf der Autobahn, richtig...?“ Die anderen sahen sich an. Darauf waren sie noch gar nicht gekommen. „Ich bin gleich wieder da.“, sagte Michael und verließ das Zimmer. Er ging sofort zu Biggis behandelndem Arzt um ihm seinen Verdacht zu äußern. „Sie meinen, dass es an der Flüssigkeit, die ausgelaufen war, liegen könnte?“, meinte der Arzt. Michael nickte. „Ok, dann brauchen wir schnellstens eine Probe von dem Zeug, die wir im Labor analysieren können. Michael nickte. Er ging wieder zu den anderen. „Wir werden eine Probe der Chemikalie besorgen.“, sagte er. Aufmunternd fügte er hinzu: „Und dir geht's bestimmt bald besser, du wirst sehen.“ Es klang überzeugt, auch wenn es Michael schwer fiel, er kannte schließlich auch die Worte des Arztes. Biggi nickte. Sie hoffte, dass er Recht hatte. Sie fühlte sich so schwach. „Ihr müsst herausfinden, was das für ein Zeug war.“, sagte sie leise. „Hey, du sollst jetzt nicht an die Arbeit denken. Wir machen das schon, hm?“, mischte Thomas sich nun ein. Er strich sanft über ihre Wange, als Zeichen dafür, dass sie sich keine Gedanken machen sollte. Biggi gab sich leise geschlagen: „Okay...“ „Wir werden uns dann mal an die Arbeit machen.“, meinte Ralf und ging dann mit Michael, Peter und Thomas langsam aus dem Zimmer. Als sie an der Tür standen, drehten sie sich noch einmal um, bevor sie endgültig das Zimmer verließen. Biggi seufzte leise. Dann schloss sie die Augen und versuchte zu schlafen. Doch irgendwie wollte ihr das nicht gelingen, immer wieder schweiften ihre Gedanken ab - zu der missglückten Szene am Fluss von heute Morgen.
Peter, Thomas, Ralf und Michael hatten gerade den Heliport erreicht, als dort ein zweiter Rettungshelikopter landete. Zufällig fiel Ralfs Blick auf die verletzte Frau, die gerade aus dem Helikopter getragen wurde. „Gabi!!!“, schrie er plötzlich. Michael, Thomas und Peter sahen ihn verdutzt an, doch Ralf war schon in die Richtung des Helikopters gelaufen. „Gabi!“, rief er wieder und beugte sich zu ihr runter. „Was ist mit ihr?“, wollte er wissen. „Sie hatte einen Autounfall, Zeugen haben ausgesagt, dass sie am Steuer bewusstlos geworden sei.“, erklärte einer der Rettungsassistenten schnell, dann verschwanden sie mit Gabi in der Notaufnahme. Thomas, Michael und Peter, die die letzten Worte mitbekommen hatten, erschraken, denn ihnen kam ein schrecklicher Verdacht. War auch Gabi mit dem Gift in Berührung gekommen? Ralf, Peter, Thomas und Michael gingen hinterher. „Wir können nicht hier bleiben, wir müssen eine Probe von dem Gift besorgen.“, meinte Thomas. Ralf sah ihn vorwurfsvoll an. „Wir können doch jetzt nicht einfach abhauen, ohne zu wissen, was mit Gabi los ist.“ „Wir haben wohl keine andere Wahl.“ „Also ich werde nicht gehen.“, rief Ralf. „Jetzt hört auf zu streiten!“, mischte Michael sich ein. „Thomas und ich werden zur Autobahnfliegen und die Probe besorgen. Und du wirst mit Peter hier bleiben, Ralf. Ok?“ Thomas und Ralf nickten. Also liefen Thomas und Michael zu Helikopter und Peter ließ sich neben Ralf auf einen Stuhl sinken. Ralf lies seinen Kopf in seine Hände sinken und Peter legte ihm aufmunternd den Arm um die Schulter. „Hey, Gabi kommt sicher wieder in Ordnung.“ Ralf nickte nur schwach. Er betete so sehr, dass alles wieder gut werden würde.
Währenddessen setzte Thomas bereits zur Landung an der Unfallstelle an. Er musste immer wieder an Biggi denken, wie sie dagelegen hatte, so schwach und hilflos. Es waren bereits Chemiker eines Chemieunternehmens dabei, die restlichen Spuren von der Straße zu beseitigen. Sie trugen weiße Plastikschutzanzüge, um nicht mit der Chemikalie in Berührung zu kommen. Michael deutete einem von ihnen mit einer Handbewegung an zu sich und Thomas herüberzukommen. Der Chemiker setze den Mundschutz ab und fragte Thomas und Michael, was er für sie tun könne. „Wir sind von Medicopter 117, unsere Kollegen hatten hier heute Morgen einen Einsatz. Unsere Pilotin ist mit der ausgelaufenen Chemikalie hier wahrscheinlich in Kontakt gekommen und liegt jetzt mit einer schweren Vergiftung in der Klink. Wir brauchen dringend eine Probe von dem Stoff, damit die Ärzte ihn im Labor analysieren können.“, erklärte Michael. „Verstehe“, meinte der Chemiker, „Wir konnten bis jetzt noch nicht genau feststellen, um was für ein Stoffgemisch es sich handelt, aber es kann sein, dass es eine toxische Wirkung hervorruft. Daher können wir ihnen leider keine Probe mitgeben, das wäre viel zu gefährlich, aber mein Kollege und ich werden sie mit unserem Transporter in die Klinik bringen.“, erklärte er. „In welcher Klinik liegt ihre Kollegin denn?“, fragte er dann noch. „Im Kreiskrankenhaus.“ „Alles klar, ich denke, wir werden in einer halben Stunde dort sein.“ Michael und Thomas verabschiedeten sich und stiegen dann wieder in den Helikopter ein. Thomas fuhr die Turbinen hoch und hob ab, dann flog er wieder zurück zum Krankenhaus. „Siehst du, jetzt kommt Biggi sicher schnell wieder auf die Beine.“, versuchte Michael seinen Freund aufzuheitern, doch er wusste selbst, dass das ganz davon abhängig war, was das für ein Stoffgemisch gewesen war. Thomas brachte nur ein leises „Hoffentlich“ hervor. Dann landeten sie auch schon auf dem Dachlandeplatz und stiegen aus. Sie gingen zum Eingang, wo der Chemiker die Probe des Stoffes abgeben wollte und warteten. Sie hatten noch etwa 5 Minuten. „Ich mach das hier schon, geh du wieder zu Biggi.“, schlug Michael vor. Thomas hätte nichts lieber als das getan, aber er widersprach trotzdem: „Aber ich kann dich nicht ganze Arbeit alleine machen lassen.“ Michael blieb hart: „Doch! Das kannst du.“ Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass es keinen Zweck hatte, mit ihm zu diskutieren. Seine Stimme war aber gleich wieder freundlicher, als er erklärte: „Ich nehme eben die Probe entgegen und bringe sie ins Labor, das ist doch keine Arbeit und wenn ich trotzdem Hilfe brauche, dann frage ich Peter, ok?“ Thomas nickte schweigend und sah ihn dankbar an. Michael konnte sehen, dass ihn das alles sehr mitnahm. Er klopfte Thomas freundschaftlich auf die Schulter und meinte: „Hey so bald ich etwas Neues weiß, auch von Gabi, informiere ich dich!“ Er lächelte und fuhr dann ernst fort: „Es ist wichtiger, dass du bei Biggi bleibst. Sie braucht dich jetzt.“ Thomas seufzte schwer und nickte. Dann wandte er sich zum Gehen und meinte noch: „Sobald du weißt, was das für ein Zeug ist, sagst du mir bescheid, ja?“ Michael nickte. Thomas war schon ein paar Schritte entfernt, als er sich noch einmal umdrehte: „Michael?“ „Ja?“ „Danke...“ Sie tauschten einen Blick aus und Michael nickte nur und antwortete leise: „Ist schon okay...“
Michael sah Thomas nach, wie er den Gang mit schnellen Schritten hinunterging, dann betrat er den Fahrstuhl. Als er im zweiten Stock angekommen war, stieg er aus und ging den Gang entlang bis zu Biggis Zimmer. Bevor er jedoch die Klinke herunterdrückte, atmete er noch mal tief ein und aus. Biggi sollte nicht merken, wie besorgt er war.
Er ging zum Bett hinüber und sah, dass Biggi die Augen geschlossen hatte. Er berührte behutsam ihre Hand, daraufhin öffnete sie langsam wieder ihre Augen. „Thomas…“, brachte sie leise hervor. „Wir haben jetzt eine Probe von diesem Zeug, du wirst sehen, bald geht es dir besser.“, sagte er und versuchte ein wenig aufmunternd zu klingen. Biggi lächelte nur leicht. Thomas jetzt bei sich zu wissen, tat ihr gut. Schon kurze Zeit später betrat Michael das Zimmer und deutete Thomas an mit nach draußen zu kommen. „Und?“, fragte er erwartungsvoll. „Sie haben jetzt die Ergebnisse, aber…“, sagte Michael zögerlich. „Was aber?“, schoss es aus Thomas heraus. „Es ist ein Stoff, der aus vielen verschiedenen Einzellstoffen zusammengesetzt ist, er greift den Kreislauf und das Immunsystem stark an….und man kann nichts dagegen tun.“ „Was? Du meinst Biggi…Biggi wird sterben?“ „Nein, beruhige dich, das ist noch nicht gesagt, aber wir können jetzt nur abwarten und hoffen, dass ihr Körper alleine mit dem Gift fertig wird.“ Thomas nickte nur leicht. Er wollte wieder zu Biggi. „Ich werde mal schauen, ob ich Peter und Ralf finde, vielleicht wissen sie schon etwas Neues von Gabi.“, meinte Michael. Thomas ging wieder zu Biggi und Michael ging langsam den Gang entlang zum Fahrstuhl.
Ralf und Peter saßen immer noch vor dem OP und warteten. „Und?“, erkundigte sich Michael. „Nichts Neues.“, sagte Peter knapp. „Wir haben jetzt eine Probe des Stoffs im Labor abgegeben, aber es hat sich herausgestellt, dass es kein Gegenmittel gibt. Die Ärzte sagen, dass Biggis Körper alleine mit dem Gift fertig werden muss.“, klärte er Ralf und Peter auf. Deren Stimmung wurde dadurch noch mehr getrübt. „Wo ist Thomas eigentlich?“, fragte Peter dann. „Er ist wieder zu Biggi gegangen.“, sagte Michael. Peter und Ralf nickten bloß schwach. Diese Warterei machte sie total verrückt. Am schlimmsten war diese Hilflosigkeit, dass man absolut nichts tun konnte.
Thomas ging langsam auf Biggi zu und setzte sich wieder auf die Bett kannte. Er strich ihr sanft über die Haare. Biggi sah ihm in die Augen und sie bemerkte seinen traurigen Blick. „Thomas, was ist los?“, fragte sie leise. „Es…es ist nichts.“, er konnte es ihr einfach nicht sagen. Tränen stiegen ihm in die Augen. „Thomas, bitte…sag mir die Wahrheit.“, sagte Biggi nun etwas lauter. „Sie…sie wissen jetzt, was das für ein Zeug war.“, begann er zögerlich. Biggi sah ihn ängstlich an. Sie befürchtete das Schlimmste. „Es gibt kein Gegenmittel, die Ärzte sagen, dass dein Körper alleine mit dem Gift fertig werden muss und dass man nur abwarten kann.“ Nun stiegen auch Biggi Tränen in die Augen. Thomas nahm sie vorsichtig in den Arm. Er konnte spüren, wie schwach sie war und strich ihr sanft über den Rücken. Er merkte, wie Biggi sich an ihn schmiegte, und hielt sie fest im Arm, er versuchte, ihr so Trost zu spenden. So saßen sie eine ganze Weile einfach nur da, lagen sich schweigend in den Armen und weinten ein bisschen. „Thomas, ich will noch nicht sterben, nicht jetzt.“, sagte Biggi dann leise. „Du wirst nicht sterben, Biggi, das lasse ich nicht zu.“, sagte Thomas und wischte ihr vorsichtig die Tränen aus dem Gesicht. „Versprichst du es mir?“, fragte Biggi und sah ihm in die Augen. Natürlich konnte Thomas es selbst nicht genau wissen, aber er hoffte es so sehr und so sagte er: „Ja, ich verspreche es dir.“ „Thomas, heute morgen, am Fluss…ich…ich wollte dir noch etwas sagen.“, sagte Biggi dann leise. Thomas sah ihr in die Augen und legte wieder seinen Arm um sie. „Thomas…ich ..ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll, aber ich…ich habe mich in dich verliebt.“, fuhr sie fort und sah ihn dann erwartend an. Thomas sah Biggi immer noch in die Augen. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Ganz langsam, wie in Zeitlupe, näherten sich ihre Gesichter einander und schließlich berührten sich ihre Lippen sanft und verschmolzen in einem zärtlichen Kuss. „Ich liebe dich auch, Biggi,...“, sagte Thomas dann, „…und ich werde niemals, niemals damit aufhören.“ Er lächelte Biggi ebenso glücklich, wie sie es war, an und dann küssten sie sich noch einmal – lange, sehr lange. Biggi vergas für kurze Zeit total, dass sie sich im Krankenhaus befand. Es vergingen einige Minuten und schließlich meinte Thomas fürsorglich: „Du solltest dich wieder hinlegen, hm?“ „Okay...“ Er bettete sie vorsichtig wieder ins Kissen und deckte sie liebevoll zu. „Versuch ein bisschen zu schlafen. Ich passe auf dich auf.“, sagte er. Biggi lächelte schwach und schloss die Augen. Sie schlief tatsächlich schnell ein. Thomas setzte sich auf den Besucherstuhl und hielt Biggis Hand. Es fiel ihm schwer, aber man konnte nur abwarten.
Währenddessen warteten Ralf, Peter und Michael immer noch ungeduldig vor der Tür zum Operationssaal, in den man Gabi gebracht hatte. Michael hatte sich nach ihren Verletzungen erkundigt. Sie hatte einen Milzriss und innere Blutungen, doch mehr Sorgen machte den Ärzten ihr schwacher Kreislauf. Auch bei ihr bestanden ganz klar die Symptome einer schweren Vergiftung.
Ralf liefen unentwegt Tränen über die Wangen. Er hoffte so sehr, das alles wieder gut werden würde. „Das kann doch nicht so lange dauern, da ist bestimmt etwas schief gelaufen.“, schluchzte er. „So eine Operation dauert immer mehrer Stunden, und außerdem ist Gabi dort in den besten Händen.“, versicherte Michael ihm. Ralf schluchzte nur weiter.
Nach zwei Stunden kam endlich ein Arzt erschöpft aus dem Op. Er ging auf Ralf, Peter und Michael zu und sah die drei an. „Ihre Kollegin hatte riesiges Glück, die Verletzungen waren nicht so schwer, wie wir zunächst angenommen hatten.“ Ralf, Michael und Peter fielen sich erleichtert in die Arme. „Aber da ist noch etwas….“, fuhr der Arzt unbeirrt fort und sah Ralf, Peter und Michael ernst an. „Ihr schwacher Kreislauf macht uns ziemliche Sorgen. Bei ihr treten die gleichen Symptome auf wie bei Frau Schwerin und wir müssen leider davon ausgehen, dass auch sie mit der Chemikalie in Berührung gekommen ist.“ „Nein“, brachte Ralf nur entsetzt hervor. „Es tut mir Leid, ihnen keine besseren Nachrichten überbringen zu können.“, meinte der Arzt, „Wir werden Frau Dr. Kollmann jetzt auf die Intensivstation bringen, ich denke, wir legen sie in das Zimmer von Frau Schwerin.“ Michael, Ralf und Peter warteten noch bis zwei Gabi von zwei Schwestern aus dem OP geschoben wurde. Sie sah schrecklich aus. Ihr Gesicht war mit Schrammen übersäht und sie war leichenblass. Die drei folgten Gabis Bett bis zu Biggis Zimmer. Dort baten die Schwestern sie noch einen Moment zu warten, da sie Gabi zunächst an alle Geräte anschließen mussten. Biggi war inzwischen wieder eingeschlafen. Dann betraten auch Michael, Ralf und Peter das Zimmer. Ralf ging sofort zu Gabi und setzte sich auf ihre Bettkante. „Gabi, hörst du mich, ich bin’s Ralf?“, fragte er leise. Doch Gabi zeigte keine Reaktion. „Ralf, sie ist noch in Narkose.“, erklärte Michael ihm. Ralf nickte langsam. Er umklammerte Gabis Hand und drückte sie. Peter und Michael hatten sich währenddessen Thomas zugewandt. „Und, wie geht es ihr?“, fragte Peter besorgt. „Unverändert. Sie hat immer noch hohes Fieber.“, sagte Thomas traurig. Dann schwiegen alle. Michael und Peter hatten sich inzwischen auch zwei Stühle vom Gang geholt und sich hingesetzt. Nach etwa einer halben Stunde, kam Gabi langsam wieder zu sich. Sie fühlte sich total schwach und elend. „Ralf, wo bin ich? Was ist passiert?“, fragte sie, als sie ihn erkannt hatte. „Psst, streng dich nicht an, du hattest einen Unfall und sie haben dir die Milz entfernen müssen, aber das wird schon wieder.“, erklärte Ralf ihr. Gabi nickte. Doch sie wunderte sich, dass es ihr so schlecht ging. „Wie geht es dir?“, wollte Michael, der jetzt an Gabis Bett herangetreten war, nun wissen. „Ich wusste nicht, dass man sich nach so einer Operation so mies fühlt.“, sagte Gabi leise. Michael fasste mit der Hand auf ihre Stirn, sie hatte hohes Fieber, das merkte er sofort. „Gabi, da ist noch etwas…“, erklärte er ihr schließlich. Gabi sah ihn irritiert an. „Biggi und du…ich seid bei eurem letzten Einsatz mit einer giftigen Chemikalie in Berührung gekommen.“ Gabi sah ihn entsetzt an. „Was ist mit Biggi? Wo ist sie?“, wollte sie sofort wissen. „Sie liegt neben dir, aber sie schläft jetzt. Mach dir keine Sorgen um sie, sie schafft das schon und du auch.“, sagte Michael hoffnungsvoll. Gabi drehte den Kopf zur Seite und sah nun, dass Biggi tatsächlich im Bett neben ihr lag. Thomas saß bei ihr und Peter stand zwischen den beiden Betten. Gabi nickte nur leicht. Sie machte sich zwar große Sorgen um Biggi, aber sie wollte jetzt nicht mit Michael diskutieren. Dazu fühlte sie sich viel zu schwach. Sie schloss die Augen wieder und schlief schließlich ein. Es war bereits abends und Michael beschloss nach hause zu fahren, da sich einer um die Kinder kümmern musste. „Thomas, ich fahr jetzt nachhause und schau mal nach den Kindern, ok?“ Thomas nickte und Michael verließ das Intensivzimmer.
Die Nacht begann. Es wurde eine lange Nacht, eine Nacht des Bangen und Hoffens. Thomas saß die ganze Zeit an Biggis Bett und Ralf an Gabis. Peter hatte sich auf einen der Stühle gesetzt. Die Nachtschwester kam um bei Biggi eine Infusion zu wechseln und Gabi ein weiteres Kreislaufmedikament zu verabreichen. Dann fragte sie die drei, ob sie vorhatten, zu bleiben. Thomas, Ralf und Peter nickten und so ging die Schwester wieder.
Die Zeit verging nur langsam, sehr langsam; zumindest kam es Thomas so vor. Biggi ging es unverändert. Sie schlief viel, doch meist sehr unruhig. Auch Gabis Zustand veränderte sich nicht. Ralf war inzwischen über ihrem Bett eingeschlafen und auch Peter döste leicht. Nur Thomas blieb noch wach. Er konnte jetzt nicht schlafen, obwohl er ziemlicher schöpft war. Doch irgendwann übermahnte ihn dann doch er Schlaf und er schlief mit dem Kopf auf Biggis Decke ein. Mitten in der Nacht schreckte er durch ein Geräusch hoch. Er bemerkte, dass einige Ärzte und Schwestern im Zimmer waren und Ralf und Peter in der Ecke standen und ihnen zusahen. Thomas rieb sich die Augen und sah dann genauer hin. Es musste irgendetwas mit Gabi passiert sein. Jedenfalls standen die Ärzte um ihr Bett herum und verstellten etwas an den Geräten, an die sie angeschlossen war. „Was ist denn los?“, fragte er Peter, der seinen Arm um den schluchzenden Ralf gelegt hatte. „Gabis Zustand hat sich verschlechtert, sie versetzten sie jetzt in ein künstliches Koma.“, erklärte Peter ihm. Thomas blickte ihn geschockt an. Dann sah er zu Biggi, sie lag immer noch genauso da wie vorher und schlief. Er drückte ihre Hand noch fester und streichelte ihr sanft über die Wange. Er hoffte so sehr, dass alles wieder gut werden würde. Es musste einfach. Gerade hatten er und Biggi sich endlich das sagen können, was ihnen schon so lange auf dem Herzen lag und nun sollte das alles schon wieder vorbei sein? Nein, das durfte einfach nicht passieren! Biggi musste wieder ganz gesund werden! Thomas seufzte leise, nahm dann behutsam Biggis Hand, hob sie an seine Wange. Er betrachtete ihr Gesicht und während er weiter so in Gedanken versunken war, stiegen Tränen in seine Augen. Eine davon lief ihm das Gesicht hinunter, und tropfte auf Biggis Hand. Thomas versuchte, nicht zu weinen. Er schluckte, bevor er ganz leise meinte: „Biggi, bitte...du musst wieder gesund werden.“ Noch leiser, fast kaum hörbar, fügte er hinzu: „...ich brauche dich doch...“ Er strich sanft über ihren Handrücken, verharrte so für ein paar Minuten.
Die Ärzte hatten das Zimmer inzwischen wieder verlassen und Ralf, der noch immer mit den Tränen kämpfte, setzte sich wieder zu Gabi ans Bett. Sie wurde nun künstlich beatmet und war an noch mehr Geräte angeschlossen. Bei diesem Anblick kamen ihm dann doch wieder die Tränen. Thomas stand auf und ging zu ihm. Er legte ihm aufmunternd seine Hand auf die Schulter. Dann stand Ralf auf und sie fielen sich in die Arme. Ralf schluchzte immer noch und wollte ich gar nicht mehr beruhigen. „Hey, Gabi schafft das schon.“, meinte Thomas, doch er glaubte selber nicht wirklich daran. Sie standen noch eine Weile schweigend so da, dann setzte Thomas sich wieder zu Biggi und Ralf ging zu Gabi. Peter war inzwischen wieder eingeschlafen.
Es dauerte nicht lange und auch Ralf und Thomas fielen einen unruhigen Schlaf, zu erschöpft waren sie von dem anstrengenden Tag.
Michael kam am nächsten Morgen schon ziemlich früh in die Klinik. Als er das Intensivzimmer betrat, musste er Grinsen. Peter, Thomas und Ralf schliefen tief und fest. Doch als Michael die Tür schloss, wurden sie durch das Geräusch wach. Ralf blinzelte und sah dann auf die Uhr. Es war viertel nach sieben. „Morgen“, murmelte er. „Sie haben Gabi in ein künstliches Koma versetzt.“, erzählte Peter. Michael schluckte bloß. Er wusste, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Er sah auf die Geräte, an die Gabi angeschlossen war, und musste feststellen, dass ihre Werte nicht gerade gut aussahen.
Thomas warf einen flüchtigen Blick auf den EKG-Monitor, an den Biggi angeschlossen war. Fast wäre es ihm nicht aufgefallen, zu viele Stunden saß er schon hier, so dass er das Piepsen manchmal gar nicht mehr bewusst hörte. Er sah noch mal genauer hin und betrachtete die Zahlen. Die Werte hatten sich verändert, aber er wusste nicht, ob negativ oder positiv, doch die Kurve für den Herzrhythmus war viel gleichmäßiger geworden.
Er sah Biggi an, diese schlief tief und fest...und ruhig. Thomas traute sich kaum, neue Hoffnung zu spüren. Er machte Michael darauf aufmerksam und während dieser die Daten kontrollierte, wagte Thomas vor Anspannung kaum zu atmen. Schließlich drehte sich Michael zu ihm um und meinte: „Alles in Ordnung. Ihr Zustand hat sich stabilisiert.“ „Heißt das...es geht ihr besser?“ fragte Thomas, der Michaels Worte vor Glück kaum fassen konnte. Er nickte und meinte ebenfalls erleichtert: „Ja, das heißt es.“ Thomas fiel ein Stein vom Herzen, am liebsten wäre er Michael jetzt um den Hals gefallen. Michael wollte gleich den Dienst habenden Arzt informieren und verließ das Zimmer. Kurze Zeit später kam er mit ihm zusammen wieder zurück. Auch der Dienst habende Arzt kontrollierte Biggis Werte und bestätigte dann, dass sie auf dem Weg der Besserung war. Dann ging er hinüber zu Gabis Bett und kontrollierte auch ihre Werte. „Ihr Zustand hat sich nicht verändert.“, informierte er Michael, Ralf, Thomas und Peter. Dann verließ er das Zimmer wieder.
Biggi öffnete langsam die Augen, sie hatte die ganze Nacht durchgeschlafen. Sie fühlte sich zwar noch schwach, aber schon viel besser als noch vor ein paar Stunden. „Hey, wie fühlst du dich?“, fragte Thomas sofort, als er merkte, dass sie wach war. Sie lächelte schwach und meinte: „Besser…viel besser...“ „Wirklich ?“ Sie nickte. Thomas fiel ein Stein vom Herzen, das konnte man sehen. „Na ja, der Arzt hat mir vor vorhin schon gesagt, dass es bergauf geht.“, erzählte er Biggi und lächelte sie an. „Aber es ist noch besser, es von dir selbst zu hören.“, fügte er dann hinzu und gab ihr einen zärtlichen Kuss, was bei Ralf, Peter und Michael ziemliches Erstaunen hervorrief. Doch sie sagten nichts. Zwar hatten sie irgendwie schon immer geahnt, dass Thomas und Biggi einander sehr gerne mochten und da auch noch mehr war, aber dass die beiden jetzt zusammen waren, damit hatte keiner gerechnet.
Biggis Blick fiel zufällig auf das Bett neben ihr. Sie sah genauer hin und erkannte, dass die Frau, die dort lag, Gabi war. „Gabi“, brachte sie erschrocken hervor und setzte sich auf. „Hey, Biggi, bleib ganz ruhig.“, sagte Thomas und drückte Biggi vorsichtig wieder runter aufs Kissen. „Was ist mit Gabi?“, fragte Biggi besorgt. „Sie hatte einen Autounfall…und sie ist mit dem gleichen Zeug wie du in Berührung gekommen.“, erklärte Michael ihr schließlich. „Aber, sie wird doch wieder ok, oder?“, fragte Biggi und sah in Michaels besorgtes Gesicht und in Ralfs traurige Augen. „Wir hoffen es.“, meinte Michael, „Ihr Körper ist durch die Verletzungen, die sie bei dem Unfall davon getragen hat, zusätzlich geschwächt.“, er wusste, dass es nichts brachte Biggi anzulügen, sie würde früher oder später doch herausfinden, wie es um Gabi stand, außerdem war sie Gabis beste Freundin, sie hatte ein Recht auf die Wahrheit. Biggi schluckte. Thomas nahm sie in den Arm und versuchte sie zu trösten.
Gegen halb neun kam der Chefarzt zusammen mit zwei Schwestern zur Visite ins Zimmer. Nachdem er sowohl die Geräte, an die Gabi angeschlossen war, also auch die, die Biggis Kreislauf überwachten, kontrolliert hatte, meinte er: „Frau Schwerin, ich glaube, wir können sie nachher auf die normale Station verlegen, ihr Zustand hat sich über Nacht erstaunlich gebessert. Ich denke, wenn sie sich weiterhin so gut erholen, können wir sie vielleicht sogar in einer Woche schon entlassen.“ Biggi freute sich zwar, doch sie meinte: „Ich würde lieber hier bleiben, bei meiner Freundin.“ Besorgt blickte sie auf Gabi. Der Arzt konnte das verstehen und so durfte Biggi noch im Intensivzimmer bleiben und wurde nicht auf die Normalstation verlegt. „Der Zustand von Frau Dr. Kollmann ist immer noch sehr ernst ,sie liegt zwar nicht mehr im Koma, aber ihr Körper ist noch viel zu schwach um aufzuwachen, wir können leider immer noch nichts anderes tun, als abzuwarten. Die nächsten Stunden sind entscheidend.“ Thomas, Biggi, Ralf und Peter schluckten, sie hatten gehofft eine bessere Nachricht zu bekommen. Michael hingegen hatte damit schon gerechnet. „Es ist meine Schuld, es ist alles meine Schuld.“, meinte Ralf, als der Chefarzt und die Schwestern wieder weg waren, „Ich hätte es merken müssen, wie schlecht es ihr geht, ich hätte sie niemals fahren lassen dürfen.“ „Ralf, hör doch auf das bringt doch nichts.“, versuchte Peter seinen Freund zu beruhigen, doch Ralf wollte sich nicht davon abbringen lassen, dass es seine Schuld war. Er war total fertig.
Thomas, Peter und Michael wollten kurz in die Cafeteria des Krankenhauses gehen, um sich einen Kaffee und eine Kleinigkeit zu essen zu holen. „Kommst du mit Ralf?“, wollte Michael wissen, doch Ralf schüttelte den Kopf. „Ich möchte bei Gabi bleiben.“, sagte er leise und die anderen nickten zum Zeichen, dass sie verstanden hatten. „Kann ich dich alleine lassen?“, fragte Thomas Biggi. „Ja, geh nur.“ „Sicher?“ Biggi nickte. Thomas drückte ihr noch einen kleinen Kuss auf den Mund und ging dann mit Michael und Peter aus dem Zimmer. Sie gingen den Gang hinunter und fuhren dann mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss, wo sich die Cafeteria befand. Als sie gerade im Fahrstuhl standen, sah Peter Thomas an und meinte dann: „Du und Biggi?“ Thomas grinste und zuckte dann unschuldig mit den Schultern. „Wie lange schon?“, wollte Michael wissen. „Noch nicht lange.“, meinte Thomas bloß. Dann waren sie unten angekommen und bestellten sich in der Cafeteria einen Kaffee und ein paar Brötchen. Danach gingen sie wieder hoch zur Intensivstation, wo Ralf noch immer an Gabis Bett wachte.
Thomas setzte sich wieder zu Biggi und nahm ihre Hand. Sie machte sich ziemliche Sorgen um Gabi. Peter und Michael hatten beschlossen kurz nachhause zu fahren und am Nachmittag wieder zukommen. Michael wollte außerdem nach den Kindern sehen, schließlich konnten sich nicht den ganzen Tag alleine bleiben.
Am frühen Nachmittag geschah dann endlich das, worauf Ralf und die anderen die ganze Zeit gewartet hatten. Gabi schlug die Augen auf. Sie konnte nichts sagen, da sie noch künstlich beatmet wurde, doch schließlich schaffte sie es sich bemerkbar zu machen. Ralf stiegen vor Glück Freudentränen in die Augen, als er sah, dass Gabi aufgewacht war. Nun hatten es auch Biggi und Thomas bemerkt. Sie fielen sich in die Arme und küssten sich leidenschaftlich. Ralf verständigte den Arzt, der sofort zu Gabi kam. Er entfernte ihr das Beatmungsgerät. „Schön, dass sie aufgewacht sind, Frau Dr. Kollmann.“, sagte er, „Ich denke, auch sie sind jetzt auf dem Weg der Besserung.“ Allen fiel ein Stein vom Herz, das zu hören. Ralf beugte sich zu Gabi herunter und küsste sie.
Dann beschlossen auch Thomas und Ralf nach Hause zu fahren und später wieder zukommen. Sie waren total erschöpft von den letzten beiden Tagen. „Ich komme nachher wieder, versprochen.“, sagte Thomas zu Biggi. Sie nickte und zog ihn dann mit der Hand zu sich herunter, um ihn zu küssen. Gabi und Ralf sahen erst Biggi und Thomas und dann sich an und mussten grinsen.
Als Ralf und Thomas weg waren, wandte sich Gabi an Biggi: „Du und Thomas? Davon hast du deiner Freundin ja gar nichts erzählt!“, Biggi lächelte Gabi an und zuckte mit den Schultern. „Noch nicht sehr lange.“, sagte sie dann. „Bist du glücklich?“, fragte Gabi sie. „Ja… sehr.“, meinte Biggi lächelnd. Gabi lies sich zufrieden zurück sinken und schloss die Augen.
The End